Gibraltar 2007

Im Sommer 2007 brachen Benedikt und ich zu unserer bislang längsten Tour in Richtung Afrika auf. In etwas mehr als 4 Wochen erreichten wir gemeinsam mit unserer Reisebekanntschaft Christian den südlichsten Punkt Europas.

Hier gibt es einige Bildimpressionen und die vollständige Reisereportage.

3600 Kilometer im Sattel


Fotoalbum der Tour

Als ich meine Augen öffne, scheint mir die Sonne durch das große Dachfenster ins Gesicht. Der Untergrund, auf dem ich mich strecke und die letzte Müdigkeit abschüttelnd hin und her wälze, ist ungewöhnlich weich und weiträumig. Obwohl ich hier zu Hause bin, erscheint mir alles etwas fremd. Es ist seit sechs Wochen das erste Erwachen im heimischen Bett. So lange reisten Benedikt und ich als Fahrradnomaden quer durch den Südwesten Europas. Dabei hatten wir nur das, was sich in vier Packtaschen unterbringen ließ.

Unsere Küche ein Gaskocher und Kochtopf, unsere Wohnung ein Zelt und unsere Betten zwei ein Zentimeter dicke Isomatten. So starteten wir Mitte Juli 2007 auf dem Bad Lausicker Marktplatz in Richtung der südlichsten Stadt Europas – dem spanischen Tarifa an der Straße von Gibraltar.

Über ein Jahr schwebte uns diese Unternehmung schon vor, innerhalb der letzten fünf Monate nahm der Plan immer mehr Gestalt an und plötzlich war es tatsächlich soweit. Die ersten Tritte in die Pedale wurden von sehr gegensätzlichen Gedanken begleitet. Auf der einen Seite die Euphorie, dass es nach all der Mühe endlich losgehen konnte, die Spannung, was uns erwarten würde, die Motivation, das gesteckte Ziel zu erreichen.

Auf der anderen Seite fragten wir uns, ob wir und die Räder dieser Dauerbelastung standhalten würden, ob der Zeitplan bis zum gebuchten Rückflug nicht zu knapp gewählt war und natürlich wie gut wir die kommenden anderthalb Monate auf engstem Raum miteinander auskämen. Doch ehe wir weiter über all diese Dinge nachdenken konnten, hatte das Abenteuer bereits begonnen.

Die ersten Tage kamen wir uns selbst etwas exotisch vor, da wir fern von allen Radreiserouten erst einmal in Richtung Donau radelten. Dabei fielen uns noch die kleinen Unstimmigkeiten der Ausrüstung auf. Hier rutschte der Packsack hin und her, dort hielt die Flasche nicht richtig und auch an das Essen war unterwegs kein Herankommen möglich, ohne vorher die ganze Tasche zu leeren.

Als wir Donau-Wörth erreichten, waren bereits vier Tage vergangen und wir hatten uns an Marie und Elke, so die Namen unserer Rösser, gewöhnt. Auch das tägliche Packen gelang routinierter. Es wurde zur Normalität, unterwegs zu sein. Der Donauradweg offenbarte sich uns als wahrer Pilgerweg der Radwanderer. Egal ob Gruppen, Pärchen, Familien oder Einzelgänger, mit kleinem Rucksack oder bis aufs letzte bepackt, hier war alles vertreten, was auf zwei Rädern rollen konnte.

An der Donau fuhr uns zufällig auch Christian aus Hamburg auf seiner Dörte über den Weg. Während wir gemeinsam mit ihm nach einer Übernachtungsmöglichkeit suchten, stellten wir schnell fest, dass wir das gleiche Ziel vor Augen hatten. Auch seine letzte Reisestation sollte der Flughafen von Malaga sein. Als sich unsere Wege zwei Tage später erneut kreuzten, beschlossen wir, zu dritt weiter zu radeln.

Dass das über vier Wochen so bleiben sollte, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch keiner. In der Schweiz angekommen, folgten wir von Schaffhausen den Rhein in Richtung Aare und hielten uns in dem Flusstal bis zum Neuenburger See. Bei aller Schönheit der Schweiz hatten wir ausgerechnet hier mit einigem Dauerregen zu kämpfen. Es sollte allerdings der letzte Regen für die nächsten fünf Wochen sein.

Über Lausanne am Genfer See erreichten wir schließlich Genf. Immer wieder klebten unsere Blicke an den mächtigen Felsmassiven der Alpen, die sich jenseits des Sees emporhoben. Im Rhônetal kamen wir den felsigen Giganten bei Grenoble noch einmal zum Greifen nahe. Wenn man den Kopf in den Nacken legen muss, um die Gipfel der Berge sehen zu können, wird man sich erst der eigenen Winzigkeit bewusst.

Einher mit diesem Gefühl geht auch eine Bescheidenheit, die man auf einer Radreise erlernt. Sie zeigt sich besonders in der Freude über kleine Dinge, die man im Alltag als normal erachtet. Etwas Kaltes zu trinken, eine warme Dusche sowie eine richtige Toilette erschienen uns das ein oder andere Mal als der absolute Luxus. Als wir nach genau zwei Wochen aus eigener Kraft das Mittelmeer bei Montpellier erreicht hatten, gab uns das einen unheimlichen Motivationsschub. Fast die Hälfte der Strecke war geschafft.

Leider verbrauchten wir diese neu gewonnene Energie auf den nächsten Etappen fast vollständig. Die stark befahrenen Küstenstraßen der iberischen Halbinsel nördlich von Barcelona trieben uns schon in ein kleines Tief und südlich von Barcelona wurde es dann noch schlimmer. Während wir uns recht angenehm durch die Stadt fanden, erwartete uns in ihrem Süden eine Mischung aus Industriegebiet und Baustellen.

Den passenden Ausklang dieser Etappe lieferte die Fahrt auf der vierspurigen Autobahn. Während wir auf dem Seitenstreifen zwischen Leitplanke und 10-Tonnern balancierten, wirkte die Anzeige über der Straße: „Seit 1. Januar 178 Verkehrstote in Katalonien“, beinahe komisch. Jenseits des Ballungsraumes zeigte sich die spanische Mittelmeerküste allerdings auch von einer ganz anderen Seite.

Traumhafte Panorama-Serpentinen eröffneten einen herrlichen Blick auf das azurblaue Wasser. Durch die leichte Briese bemerkte man nicht, das die Temperatur oberhalb der 30°c – Marke lag. Das Ziel rückte immer näher. Doch 300 km vor Malaga wurde es noch einmal richtig bergig.

In sengender Hitze kämpften wir uns vom Meeresniveau ausgehend eine 35 km lange Serpentinenstraße bis auf 560 Höhenmeter hinauf. Eine Sonnencreme-Schweiß-Mischung tropfte unaufhörlich auf die Oberrohre von Marie, Elke und Dörte, während wir uns in Schrittgeschwindigkeit durch eine Landschaft schlängelten, die an die alten Karl-May – Verfilmungen erinnerte.

Als unsere Getränkereserven aufgebraucht waren, begannen wir uns dann doch Sorgen zu machen, aber glücklicherweise erreichten wir schon kurz darauf den höchsten Punkt und die dort gelegene Tankstelle. Als wir einige Tage später endlich in Malaga ankamen, war die Nähe unseres Zieles schon fast zu spüren. Wieder überkam uns ein Motivationsschub, der erneut wirklich nötig war, denn abermals blieb uns nur die Alternative Schnellstraße.

Leider gab es da keinen Seitenstreifen wie auf der Autobahn. Immer wieder suchten unsere Blicke hoffnungsvoll am Meereshorizont nach Konturen des afrikanischen Kontinents. Doch trotz viel Phantasie konnten wir nichts erkennen. Lediglich ein paar große Schiffe auf offener See querten unser Blickfeld. Dann plötzlich – hinter einer unscheinbaren Kurve – eröffnete sich ein unglaublicher Blick auf die Säulen des Herkules:

Im Vordergrund der Felsen von Gibraltar und auf afrikanischer Seite der Berg Abyle. Von da an vergingen die letzten zwanzig Kilometer bis zum Punkt Europa wie im Flug. Endlich standen wir an der Straße von Gibraltar und hielten inne vor dem beeindruckenden Panorama auf Afrika. Alle Strapazen, jeder einzelne Schweißtropfen und die vielen Höhenmeter wurden in diesem Augenblick nichtig. Dieser Moment entschädigte nicht, er belohnte uns.

Nach über drei Wochen war es nun an der Zeit, uns von Christian zu verabschieden, dessen Flug eine Woche vor unserem ging. Auf der letzten Etappe zu dem endgültigen Ziel unserer Reise erwartete uns eine allerletzte Hürde. Die finale Passstraße reichte zweimal über die 500-Meter-Marke hinaus. Es waren jedoch unsere letzten Kurbelumdrehung und als wenn es auch die Autofahrer gewusst hätten, motivierten sie uns auf diesem Abschnitt mit freundlichen Zurufen und ausgestreckten Daumen.

Schließlich markierte ein kleines Schild am Straßenrand den höchsten Punkt und wir waren froh, den letzten Anstieg hinter uns gebracht zu haben. Während wir anschließend mit über 50 km/h Tarifa entgegen rauschten, vergaßen wir fast, dass wir diese Straße auf dem Rückweg nach Malaga noch einmal von der anderen Seite sehen würden.

Tarifa, das Surferparadies im Süden Europas, war mit seinem lockeren Flair genau das, was wir nach über vier Wochen Tour zum Ausklang brauchten. Es tat einfach gut, wieder unter Menschen zu sein. Nach fünf äußerst angenehmen Tagen fiel es uns schon ein wenig schwer, von der lockeren Mentalität, dem ausgelassenen Nachtleben und dem 400 Meter breiten Atlantikstrand am Rio Jara Abschied zu nehmen.

Ein letztes Abenteuer stand uns allerdings noch bevor. Schließlich hatten wir vor, unsere Räder mit im Flugzeug zu transportieren. Und das in einem Land, in dem es sogar verboten ist, mit dem Fahrrad einen Bahnhof zu betreten, geschweige denn eins mit in einen Zug zu nehmen.

Da auf dem ganzen Flughafen keine Radkartons zu bekommen waren, kam uns die Idee, auf dem Baumarkt nach dem nötigen Verpackungsmaterial zu suchen. Nach einigem Hin und Her entschieden wir uns für 25 Quadratmeter Folie und vier Rollen Paketkleber, um die Weichteile von Elke und Marie zu schützen.

Nach zweieinhalb Stunden waren wir dann soweit und für Außenstehende war nur noch zu erahnen, was sich unter der zentimeterdicken Schicht aus Schutzfolie befand. Es lief reibungsloser, als wir gedacht hatten. Beim Check-in erlebten wir dann doch noch eine böse Überraschung. „Sie müssen die Luft von den Reifen lassen!“ Wie erklärt man spanischem Flughafenpersonal, dass da nichts passieren wird?

Es entwickelte sich eine Diskussion, die immer mehr Flughafenmitarbeiter anlockte. Schließlich erklärte uns ein „Insider“ unter den Mitarbeitern, dass im Falle eines Reifenplatzers wohl möglich das Flugzeug explodieren werde. Um jeglichem Verdacht aus dem Weg zu gehen, Handlanger der Al- Kaida zu sein, bohrten wir uns mit den Fingern Löcher in die mühsam angepasste Folie und versuchten zu erahnen, wo sich die Ventile befinden könnten.

Nach fast sechs Wochen 4000 Kilometern ohne eine einzige Panne, war die Luft nun doch aus den Reifen und auch wir hatten keine Puste mehr als wir uns in die Sitze des Flugzeugs fallen ließen.Während wir immer höher stiegen, schauten wir uns auf Benedikts Digitalkamera noch einmal alle Fotos an. Der Rückflug fühlte sich an wie das Rückspulen einer Videokassette. Während wir die Bilder der Tour anschauten und die Momente im Zeitraffer noch einmal erlebten, wurden wir an den Ausgangspunkt unserer Tour katapultiert.

Gerade in unserer schnelllebigen Welt ist es so ein Video in unserem Kopf, das uns hilft, aus dem Alltag zu entfliehen. Die zahlreichen Erinnerungen spiegeln den wahren Wert eines solchen Abenteuers wider.

Inzwischen habe ich mich in die Küche bewegt, immer noch nicht ganz sicher, was ich tun soll. Schließlich gehe ich zum Kühlschrank, nehme mir mein Frühstück heraus, schalte die Kaffemaschine ein und backe mir im Ofen ein paar Brötchen auf. Ich genieße den Duft und den Geschmack sehr intensiv, lehne mich zurück und starte das Video in meinem Kopf.

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