Montpellier 2006

Im Juni 2006 führte mich die Kompassnadel Richtung Südwesten zu meiner bis dato längsten Tour (Stand 2006) nach Monpellier, Südfrankreich. Kurzfristig trat ich die Tour nicht wie geplant zu zweit mit einem Freund an, sondern allein. Obwohl dieser Gedanke mich zunächst zweifeln ließ, sammelte ich auf dem 14-täglichen Tripp zahlreiche Eindrücke, die ich heute nicht missen möchte. Es sind ganz besondere Momente, die diese Tour als unvergesslich auszeichneten: Sei es der Sonnenaufgang auf einer Mohnwiese, der Abend am Rhein mit Blick auf Frankreich, der höchste Punkt des Bergpasses oder die ersten Schritte im Mittelmeer. Trotz einiger Strapazen und mancher Panne steht für mich eines fest… Jederzeit wieder!

Fotos von der Tour

Hier finden Sie die Tagebucheinträge der Tour.

Tag 1 – Wie alles begann

Das, was vor etlichen Monaten als Gedanke während meiner Dienstzeit geboren wurde, wandelte sich heute endlich in Tatsachen. Wieviel hat sich seither geändert, wie lange habe ich dieses Vorhaben geplant, wie oft daran gedacht? In wie vielen tristen Alltagsmomenten floh ich zumindest in meiner Phantasie auf diese Radreise und heute sollte es endlich Wirklichkeit werden!

Begleitet von meinem Vater brach ich heute Morgen auf – Kurs südwest. Das Gefühl tatsächlich im Sattel zu sitzen und zu kurbeln im Bewusstsein, sich einer der größten Herausforderungen seines bisherigen Lebens zu stellen, ist unbeschreiblich befreiend. Endlich war der Tag X erreicht. Beim gemeinsamen Fahren in Richtung Frohburg wurden alte Erinnerungen wach. Schon einmal befand ich mich in dieser Situation, vielleicht auch schon zweimal.

Die beiden anderen längeren Radtouren begannen ebenfalls mit dem Abschnitt Bad Lausick- Frohburg, die nach München sogar mit dem gleichen Mitfahrer, die vor einem Monat mit Bendikt und so war mir diese Situation keineswegs fremd. Ich empfand dabei eher so einen Hauch Gewohnheit, wobei es anmaßend wäre nach zwei Fahrten auf dieser Strecke von Routine zu sprechen. So richtig war mir der Unterschied der heute beginnenden Tour nicht bewusst. Noch nicht!

Nach 55 Kilometern erreichten wir gegen 11 Uhr Schmölln, wo wir ein letztes „Mittagsmahl“ einnahmen. Danach war es dann soweit. Hier mussten sich unsere Wege trennen. Als wir vor dem Gasthaus ein letztes gemeinsames Foto schossen, bemerkte ich, wie kalt es eigentlich war, meine Knie fühlten sich so schwach an, als könnten sie meinen Körper kaum in der Senkrechten halten.

Auf mein Fahrrad gestützt presste ich ein paar letzte verabschiedende Worte aus meinem Mund, hievte mich mit Mühe auf den Sattel und begann zu treten. Noch einmal wandte ich den Blick zurück meinem winkenden Vater entgegen, dann richtete ich meine Augen nach vorn auf die Straße – sie sollte also die einzige sein, die mich und mein Fahrrad jeden Tag beherbergen würde.

Die weichen Beine härteten sich allmählich wieder und traten als bald volle Kraft voraus gen Thüringer Schiefergebirge. Da heute recht wenig Verkehr aufgrund des Feiertages herrschte, entschloss ich mich, die Hauptstraßen nur ab und an zu verlassen, um mich von der Kompassnadel über Feldwege führen zu lassen.

Die Sonne bekam ich heute nicht zu sehen und der Himmel schien in seinem düstern Antlitz fragen zu wollen, ob ich mir das auch gut überlegt habe. Aber er ließ mich trotz seiner drohenden Gebärden trocken und unbeschadet passieren. Lediglich die letzten Kilometer versuchten mich mit ihren teuflischen Steigungen zum Aufgeben zu bewegen.

Doch ich trotzte ihnen erfolgreich, wenn auch auf Kosten der totalen Erschöpfung bei Ankunft in der Jugendherberge Plothen. Der Blick auf die Karte beim Planen der morgigen Etappe stimmt mich nicht gerade optimistisch. Da ist von „Haßbergen“ die Rede. Bleibt nur zu hoffen, dass “Haß“ hier einen anderen Ursprung besitzt als den Augenscheinlichen.
Ich bin im Übrigen sehr dankbar ein behindertengerechtes Einzelzimmer bekommen zu haben. Es ist so göttlich, im Sitzen duschen zu dürfen.

Tag 2 – Schiefergebirge bei Regen

Ohne dass ich einen Wecker gebraucht hätte öffnete ich meine Augen und fühlte mich wie neu geboren, absolut fit für die nächste Etappe, doch ein ernüchternder Blick auf die Uhr verriet mir, dass es erst um 6 war. Frühstück gab es ab 8!

Noch 2 lange Stunden! Was sollte ich nur tun, noch ehe ich mich zu einer Entscheidung durchgerungen hatte, wurde ich zurück ins Reich der Träume befördert, aus dem ich dann allerdings beim zweiten Mal mit dem gewaltsamen Gebrüll des Weckers heraus getrieben wurde.

Nach einem sehr guten Frühstück (an dieser Stelle ein Lob an das gute Jugendherbergsfrühstück generell) brach ich erst 9:00 Uhr auf. Mein Ziel sollte zunächst Sonneberg sein. Doch diesen Ort versuchte ich den ganzen Tag über zu erreichen. Gegen halb 1 hatte ich ganze 51 km im Rücken und statt die versäumte Zeit wieder aufzuholen, musste ich eine zwangsläufige Regenpause bei Schmiedebach einlegen.

Dann entschied ich mich für das Regenoutfit und radelte feucht, aber keineswegs fröhlich durch Nieselregen über die Berge. Bald verzogen sich die grauen Wolken und die Sonne kam erstmalig zum Vorschein. Das Radeln begann endlich Spaß zu machen.

Da saß ich auf einem Stein in der Sonne, als sich mein Fahrradständer entschloß, dem Gewicht von Elke (so hab ich sie getauft) nicht länger stand zu halten. Das Geschehen beobachtete ich gerade aus dem Augenwinkel und schritt sofort ein. Zwar konnte ich Elke vor einem Sturz mit ernsthaften Verletzungen bewahren, riß mir selbst dabei aber 2 Finger auf. Kurz nachdem ich die Finger mit bepflastert hatte, begann es zu allem Überfluß wieder zu regnen! *grrrrr*

Übrigens: Mir war klar, dass ich heute die Route der Thüringenrundfahrt (Etappe3: Rudolstadt- Hof) kreuzen würde. Aber dass ich dabei auf eine alte Bekannte stoßen würde, überraschte mich dennoch. Vom Hunger auf die Suche nach einem gemütlichen Rastplatz getrieben, entdeckte ich sie wieder:

Die Hütte in dem Dorf vor Altgesees, in der wir schon einmal vor 6 Wochen rasteten. Diesmal kam ich aus der entgegen gesetzten Richtung und für manchen Anwohner sah es vielleicht aus, als ob nur einer die Radtour durchgehalten hätte.

Tag 3 – Immer den Main entlang

Kaum hatte ich Coburg verlassen, war der Radweg nach Bamberg mit 38km Länge bereits ausgeschildert. Dazu kam noch die flache Landschaft am Main. Es ist deshalb nicht weiter verwunderlich, dass ich heute auf sehr viele Radtourer traf, die meist in kleinen Gruppen pedalierten.

Auch wenn die Strecke landschaftlich sehr reizvoll war, empfand ich beinahe Langeweile. Wahrscheinlich warten die richtigen Abenteuer nun einmal jenseits der geteerten Wege. In Volkach beschloss ich, meine Campingpremiere zu feiern.

Dass diese Nacht der reinste Horror werden würde, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Da mein Tacho heute nicht fit war, kann ich keine Statistikangaben machen. Lediglich die Etappenlänge lässt sich aufgrund der relativ genauen Radwegangaben auf 120 km einordnen.

Tag 4 – Querfeldein Richtung Südwesten

Nach einer albtraumhaften, sehr, sehr kalten Nacht konnte ich 6 Uhr nicht wie geplant starten, da es gerade warm geworden war und erstmals ein angenehmes Gefühl mit dem Schließen der Augen verbunden war.

Im Verlauf der Nacht habe ich etwa alle Sachen übereinander gezogen, die ich besaß. Es waren zu wenige! Als ich mich 7 Uhr endlich motivieren konnte, zur Toilette zu gehen, muss das einem Storch geglichen haben, der Laufen lernt. Über das Gesicht, das mir von jenseits des Spiegels entgegenblickte, möchte ich lieber gleich gar nicht sprechen.

9 Uhr war alles erledigt und es konnte weitergehen. Zunächst folgte ich entspannt dem Main bis Ochsenfurt. Dort trennten sich dann unsere Wege. Fernab vom Radweg hatte mich bereits das nächste Abenteuer als sein Opfer auserkoren. Unwissend folgte ich einigen schönen kleinen Wegen, die auf keiner Karte zu finden waren, Richtung Südwesten.

Bald wurde aus einem Feldweg, ein Schotterweg, daraus ein Erdweg, der in einen Wiesenweg überging, welcher bald nur noch an Traktorspuren zuerkennen war und schließlich hätte nicht mal ein professioneller Appache irgendwelche Spuren im Boden erkennen können. Um mich herum erstreckte sich eine traumhafte Landschaft aus Wiesen und Wäldern.

Die Kehrseite der Medaille: Es gab keinen einzigen auch nur rudimentär erkennbaren Weg Also Kompass raus! Kurs bestimmen und ab über Stock und Stein dem Abend entgegen.

Tag 6 – Ein Plattfuß am Rhein

Am nächsten Morgen traf ich den alten Mann beim Frühstück setzte mich zu ihm und wir kamen ins Gespräch. Er stammte aus dem Allgäu (bei Schloss Schwanenstein) war 68 Jahre und radelte gestern von Kehl den Rhein entlang bis hier nach Karlsruhe.

Das war genau die Etappe, die ich heute in umgekehrter Richtung zurücklegen wollte. Er zeigte mir seine feuerroten Beine und sofort war mir klar: „Altes Radfahrerleiden!“ Der Mann, dessen Namen ich nicht erfragt habe, tauschte mit mir ein paar Erfahrungen aus, nach dem Frühstück fuhren wir noch gemeinsam an den Rhein und dann hieß auch wieder „Tschüß sagen“.

Während er seinem Weg nach Norden folgte, hatte ich noch einige Kilometer nach Süden vor mir. Als ich schließlich etwa trockene 15 km gefahren war, hielt ich es einfach nicht mehr aus. Ich musste mir dringend etwas zu trinken besorgen.

Kaum hatte ich mich mit ausreichend Flüssigkeit eingedeckt, da fiel mir das Treten trotz des glatten Weges sehr schwer- Es brauchte nur einen Sekundenbruchteil bis ich bemerkte, was geschehen war- Elke hatte ihren ersten Plattfuß in der prallen Vormittagssonne.
Nach einer halben Stunde war dann endlich alles Gepäck abgebaut, das Rad ausgebaut, der Schlauch gewechselt, das Rad wieder eingebaut, die Luft wieder aufgepumpt, alles Gepäck wieder dran gebaut und die Fahrt konnte weitergehen.

Tag 8 – Willkommen in Frankreich

An einem sonnigen Morgen brach ich ohne Frühstück in aller Frühe auf, um vor der Hitze auf der Straße zu sein. Ich überquerte ein weiteres Mal den Rhein, aber diesmal hatte die Überquerung etwas Endgültiges.

An dem Kanal frühstückte ich unter der aufgehenden Sonne meine zu einem unförmigen Klumpen zusammengeschmolzenen und wieder verfestigten Schokoladenkekse. Bereits nach einigen französischen Kilometern erlebte ich die oft angepriesene Mentalität der Franzosen selbst.

Ein Mann hielt mich auf dem Radweg an, fragte mich nach dem woher und wohin und erklärte mir, dass ich richtig war. Diese Verständigung aus einem Mix von Englisch, Französisch und Deutsch in Kombination mit Händen und Füßen wäre der Brüller in jeder Skatchshow gewesen.

Hier braucht man sich nur die Häuser, die Straßen und vor allem natürlich die Menschen anzusehen und man weiß sofort: Das ist nicht Deutschland! Alles scheint etwas ruhiger und gelassener.

Nur die Radwege sind eine Sache für sich. Der erste ausgeschilderte Radweg endete als Montainbikestrecke mit Schanzen über querliegende Baumstämme. Nicht die ideale Strecke für die 50 Kilo schwere Elke! Ein anderer asphaltierter Radweg am Kanal wandelte sich urplötzlich in einen mit scharfkantigen Granitfelsen aufgefüllten Höllenpfad für Tourenräder. (schon wieder schieben*groll*)

Am Nachmittag wurde mir noch einmal bewusst gemacht, wo ich war. Als ich gerade in Montbelliard auf einer Brücke meine Campingkarte studierte, bot mir ein vorbeifahrender Montainbiker seine Hilfe an und fuhr ernsthaft gut 8km vor mir her.

Das Tempo, dass er dabei hielt, war nicht übel. Endlich auf dem Campingplatz erreicht, baute ich mein Zelt auf und begab mich auf Nahrungssuche. Auf dem Platz hatte auch eine alleinreisende Frau ihr Lager für die Nacht errichtet. Sie stand dann im einzigen Supermarkt der Stadt hinter mir und hatte genau wie ich Artikulationsschwierigkeiten.

So sind sie, die Tourenfahrer: früh aufstehen, frühstücken, losfahren, Platz zum Übernachten suchen, Essen auftreiben, essen, schlafen. Jeden Tag das Gleiche und doch ist kein Tag wie der andere.

Tag 9 – Bergiges Frankreich

An diesem heißen Dienstag sollte ich erfahren, dass sich die Gastfreundschaft nicht nur auf die Leute beschränkt, sondern auch das Land einschließt. Die französischen Berge luden mich ein, meine überschüssigen Kräfte an ihnen abzuladen.

Das führte dazu, dass ich nach 100 Kilometern keine besonders große Lust mehr zum kurbeln hatte. Vergeblich suchte ich nach einem Supermarkt, ehe ich entschied, in einem kleinen Dorf meine heutige Fahrt zu beenden.

Als ich mich total verschwitzt und dürstend in die Rezeption des Campingplatzes schleppte, wurde mir von der Omi gleich ein kaltes Wasser angeboten. Danach versuchte ich von ihr herauszubekommen, wo es etwas Essbares gab. Da sie weder Deutsch oder Englisch und ich kein Französisch sprach, gestaltete sich unsere Unterhaltung eher schleppend.

Dann verstand sie schließlich, dass ich eine „Boutique“ sucht und rief gleich dort an, um meinen Besuch anzukündigen. Der kleinen Campingplatz beherbergte exakt 3 Gäste: Ein älteres Ehepaar und mich. Am Abend schaute ich mir bei dem wohlverdienten frisch Gezapften in der Dorfkneipe das Spiel Frankreich gegen die Schweiz an.

Tag 10 – Das eiskalte Biergeschenk

1000 km würden an diesem Tag fällig werden, das war mir vollkommen bewusst. Es ist einfach unbeschreiblich, wie viel Kraft in so einer Zahl steckt, bzw. wie viel Energie sie einem noch spenden kann.

In Dole erlebte ich einen unglaublichen Motivationsschub, neue Kraft und beste Laune inklusive. In Chalon s Saone gönnte ich mir Eis am Stiel im Sechserpack, da es so günstiger war. Nach 5 musste ich leider aufgeben, da mein Bedürfnis nach Eis schon nach dem Vierten im negativen Bereich lag und das Fünfte nur noch aus der Einstellung: „Das kann ich doch nicht wegschmeißen!“ den Weg in meinen Rachen fand.

Auf dem Campingplatz in Tournus waren kaum Deutsche vertreten. Ein Ehepaar war sichtlich positiv überrascht, als ich sie auf deutsch begrüßte und so wurde mir kurz darauf ein eiskaltes Büchsenbier angeboten. *göttlich*

ag 11 – Die heiße Schokolade von Lyon

Mein Frühstück war echt ersklassig. Zum ersten Mal betrat ich eine typische klieinstädtische Bougalerie (Die Panne Chocolat muss man probiert haben!) Unerwartet schnell erreichte ich Lyon, trotz des heftigen Gegenwindes.

In der Innenstadt wollte ich mir einfach nur ein leckeres Eis gönnen. Der Kellner missverstand mein „Ice- Chocolate, brachte mir stattdessen eine Heiße Schokolade und sorgte dafür, dass ich Lyon nun immer mit dem Besuch in jenem Café in Verbindung bringen werde. Klar, wer möchte bei 34°C im Schatten keine heiße Schokolade trinken?!

Mein optimistisches Gefühl, ich würde Lyon genau so schnell verlassen können, wie ich es erreicht hatte, erwies sich als fataler Trugschluß. Erst nach einem 2-stündigen Slalom um Schnellstraßen, Eisenbahnschienen und Baustellen konnte ich das Zentrum verlassen und gelangte in ein nicht enden wollendes Netz industrieüberladener Vorstädte, in denen man froh darüber war, wenn die Ampel grün wurde.

Keine 2 Minuten mochte man dort verweilen- schon gar keine Nacht! Deshalb kann ich „in Bewegung bleiben“ als sprichwörtliches Motto jenes Vorabends nennen. 30 km südlich von Lyon fand ich endlich einen geeigneten Platz zum Übernachten.

Tag 12 – Auf nach Holland!

Als ich kurz nach 6 Uhr von Weltuntergangsgeräuschen aus dem Schlaf gerissen wurde und der Himmel sich zum tiefsten Schwarz verdunkelte, kroch ich in Hektik aus meinem Zelt und verpackte meine optimistisch draußen abgelegten Sachen wasserfest weg, verkroch mich tzief in meinem Schlafsack und richtete mich auf einige Stunden Gewitterpause ein.

Was allerdings wie ein Armageddon begann, gipfelte in 3 Tropfen- also alle Sachen wie ausgepackt, Zelt abgebaut und weiter. Dem heutigen Tag wollte ich eine kürzere Etappe widmen, um meine Kräfte für den „Schlusssprint“ aufzusparen. Natürlich kam mal wieder alles anders!

In Linon sollte finito sein, also fragte ich die zwei netten Mädels in der Touristeninfo nach dem nächsten Camping in Richtung Süden. Zwar lächelten sie sehr freundlich, wollten mich allerdings 30 km! Nach Norden zurückschicken. Als ich dankend ablehnte, erklärten sie mir den Weg über die Nationalstraße nach Braix. Sie fragten mich, ob mir die Ausstattung des erwählten Platzes (Pool, Sportplatz, bewachter Parkplatz) ausreichte. *grins*.

Wäre es nicht so schlecht um mein Französisch bestellt, hätte ich ihnen erklärt, dass mir 2 relativ eben liegende Quadratmeter vollkommen ausreichten. Was gab es aber für Alternativen?
Kurz vor Braix befand sich eine Ausschilderung zu einem Campingplatz, der ich folgte, 3 km bergauf direkt in das nächste unvergessliche Ereignis).

Endlich an der Rezeption angekommen, wurde ich von einer Holländerin in Empfang genommen mit den üblichen Fragen (Woher und Wohin?) Dass ich sie hier mitten in Frankreich für einen Gast hielt, erwies sich als großer Trugschluss. Sie besaß den Platz und erklärte mir gleich, dass das Restaurant heute geschlossen habe, da Holland spiele.

Nachdem das Zelt aufgebaut war, beschloss ich mir die Sache mal näher zu betrachten und wurde Zeuge des absoluten Ausnahmezustandes. Der Platz war total leergefegt, alle holländischen Wohnmobile standen verlassen in der untergehenden Sonne.

Abseits des Hauptweges über den Platz befand sich ein Wohnmobilfriedhof mit dicht an dicht gedrängten weißen Quadern auf Rädern. Wo war ich gelandet?!? Je näher ich dem Restaurant kam, umso lauter wurde die Geräuschkulisse. Schließlich befand ich mich vor einem orangefarbenen, grölenden Haufen.

Französische Worte versuchten meinen Ohren vergeblich aus dem Lärm zu filtern. Ich befand mich in einer holländischen Kolonie mitten in Frankreich. Meine Güte, hier waren sogar die armen Hunde in der Landesfarbe eingefärbt worden.
„Hup Holland!“

Tag 13 – Endspurt

Nachdem ich heute Morgen Holland wieder verließ, verging der Tag wie im Zeitraffer. Am Ende standen auf einem Mal 130 Kilometer auf dem Tacho und mir war überhaupt nicht klar, wo die herkamen!
Doch eine letzte Hürde war noch zwischen mir und dem Mittelmehr aufgestellt worden. In Montpezat, einer recht lebhaften Kleinstadt, vielleicht 60 Kilometer vom Meer entfernt entdeckte ich die Ausschilderung zum Campingplatz und entschied mich, dass das der ideale Ort für die Übernachtung vor der letzten Etappe sei.

Daraufhin deckte ich mich etwa mit 10 Kilo Lebensmittel (darunter auch ein eiskaltes Heineken) ein, da meine Vorräte restlos aufgebraucht waren. Als ich daraufhin die nunmehr 60 Kilo schwere Elke zum nahe gelegenen Camp kurbelte, muss ich irgendein Schild verpasst haben, denn ich rollte etwa 2 Kilometer kontinuierlich bergab und fand mich in der Pampa wieder- Kein Zeltplatz weit und breit. Umzukehren kam überhaupt nicht in Frage! Doch nach 10 Minuten fiel mir mein kaltes Feierabendbier ein. Auf keinen Fall wollte ich lauwarmen Hopfenblütentee in mich hineinschütten! Das Bier musste kalt getrunken werden und zwar schnell unter dem nächsten Baum, sicherer Schlafplatz hin oder her. Vielleicht trug das kühle Blonde seinen Teil dazu bei, dass mir die gefahrenen 130 Kilometer am Ende nicht bewusst waren. In einem kleinen Dorf vor Sommellies fand ich einen Platz, der sogar einen mit eiskaltem Wasser gefüllten Pool besaß.

Die Rezeptionistin beendete kaum ihren Satz über den Pool, dessen Wasser etwas zu kalt zum Baden sei, als ein verschwitzter Radfahrer mit einer soliden Arschbombe ins nasse Element tauchte. *Ahhh,schöööööööön!*

Tag 14 – Baruß im Sand

Nach zwei wirklich spannenden, abenteuerlichen, abwechslungsreichen Wochen habe ich das große Ziel Mittelmeer ausschließlich mit der Kraft meines Körpers erreicht.

Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn man barfuss über den weichen Sand läuft, nach unten auf sein Füße blickt und sich darüber klar wird, dass es ausschließlich diese beiden waren, die einen hierher brachten.

Natürlich darf ich Elke nicht vergessen, die einen sehr großen Beitrag zum Erfolg dieser Tour geleistet hat, indem sie solide wie ein Uhrwerk Tag für Tag meine schweren Lasten die Straßen und Wege entlang geschleppt hat und so gut wie keinen Ausfall hatte.

Es ist Wahnsinn, wenn ich in meinen Reisetagebuch nur ein paar Seiten zurück blättere, lese ich von schlechtem Wetter im Schiefergebirge, einem alten Mann aus dem Allgäu, einer heißen Schokolade in Lyon und all das liegt schon so weit zurück, obwohl es nur einige Tage her ist.

Ich denke, diese Feststellung ist der beste Beweis für den Erlebnisreichtum einer Radreise und in diesem Zusammenhang steht eines für mich fest: Das war nicht meine letzte Reise dieser Art

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